Knigge zur Hustenkultur

Ein "Knigge" hat grundsätzlich etwas von Vorschrift oder erhobenem Zeigefinger. Dieser Ratgeber will keine Vorschriften machen oder Regeln aufstellen.

Vielmehr sollen die folgenden Gedanken als Anregungen dienen, zumal die meisten Tipps bei näherer Betrachtung eigentlich Selbstverständlichkeiten sind. Sie gelten überall dort, wo man nicht unangenehm auffallen möchte.

"Hustenkultur" knüpft an Begriffe wie Gesprächskultur, Wohnkultur, Esskultur oder Streitkultur an. Die Initiative Hustenkultur stellt die Möglichkeiten vor, durch Therapie und im richtigen Bewusstsein das Verhalten so zu steuern, dass ein Gewinn an Gesundheit, Ruhe und Genuss resultiert, insbesondere in Gesellschaft.


Vorbemerkung

Husten stört nahezu immer. Nehmen Sie bitte überall Rücksicht, im Restaurant, im Bus, wo auch immer.

Im Konzert oder im Theater kommen die Menschen zusammen, um die Aufführung zu genießen. Husten (und andere Geräusche) stören die Konzentration und den Genuss.
Da ist es selbstverständlich, dass jeder sich bemüht, diese Störungen vorausschauend und rücksichtsvoll nach Kräften zu vermeiden.

Die folgenden Tipps sollen Ihre Aufmerksamkeit wecken für Fehler und Gefahren, besonders bei klassischen Aufführungen. 

Änderungen und Erweiterungen sind jederzeit denkbar: Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!


Tipps

Nach dem folgenden Videoclip von 42 Sekunden Dauer lesen Sie die Vorschläge zum Umgang mit dem Thema "Husten und klassische Veranstaltung" unter

Ort – wo soll ich husten?

Zeit – wann soll ich husten?

Lautstärke – wie laut soll ich husten?

Ort

Mit Grippe und Bronchitis macht die Aufführung keine Freude, man stört und steckt womöglich seine Umgebung an. Wer richtig krank ist und mit Husten rechnet, gehört selbstverständlich nicht ins Theater oder ins Konzert: Wer krank ist, bleibt zu Hause. Bereits bezahlte Eintrittskarten gibt man rechtzeitig zurück, tauscht sie gegen eine spätere Alternative, verschenkt sie in Familie oder Freundeskreis  - oder lässt sie verfallen. Eine gute Idee ist auch eine rechtzeitige Weitergabe an eine Kulturloge!

Wer "ein wenig krank" ist, um sein Hustenrisiko weiß und dennoch die Aufführung nicht versäumen will, wird die Tipps zur Therapie beachten und auf die Umgebung Rücksicht nehmen. Eine gute Möglichkeit liegt im Platztausch: "Entschuldigen Sie, ich muss vielleicht ein wenig husten und möchte ganz weit hinten (am Ausgang) sitzen; möchten Sie mit mir tauschen und sich nach vorne setzen?"

Wer während der Aufführung vom Husten unvorbereitet überrascht wird, hat in der Pause die Gelegenheit, aus Rücksicht aufs Publikum einen Platztausch zu versuchen oder die Veranstaltung zu verlassen.

Tipp für Veranstalter:

In manchen amerikanischen Sälen (zum Beispiel in der Oper in Seattle) gibt es die Institution "Crying Room". Dabei handelt es sich um einen "Tontechnikerplatz im Glaskasten". Hierhin werden Gäste eingeladen, die störend auffällig sind oder werden könnten, insbesondere Mütter mit Babys.

Zeit

Es kann vorkommen, dass man ohne Vorwarnung einen Hustenreiz spürt, schon im Konzert sitzt und ein Ausweichen nicht mehr möglich ist. Es gibt auch in dieser Situation noch Möglichkeiten, sich rücksichtsvoll zu verhalten.

Zunächst wird jeder versuchen, den Hustenreiz zu unterdrücken. So kann Zeit gewonnen werden bis zur Pause oder zum Ende der Aufführung.

Wenn das nicht gelingt, hustet man am besten während eines Applaus.

Gibt es dazu keine Gelegenheit, wird man im Konzert auf eine sehr laute Passage warten, um unauffällig zu husten.

Unbedingt zu vermeiden ist das Husten im Zeitfenster zwischen zwei Sätzen eines Musikstückes; dies ist keine Pause!

Erst recht unangenehm ist das Husten in leisen Passagen (pianissimo). Wer zu diesem Zeitpunkt trotz aller Bemühungen aufs Husten nicht verzichten kann, hat nur noch eine Chance: so leise wie irgend möglich. Und "im Takt husten" - immer auf der Eins... ;-)

Lautstärke

Man kann laut und leise husten. Je leiser desto besser.
Und: "Räuspern ist der kleine Bruder des Hustens".
Auch ein dickes Taschentuch hilft; vor den Mund gehalten wirkt es schon immerhin deutlich dämpfend. Ein Kissen hat man ja wohl kaum dabei... Und "in die Ellbeuge husten"! Hat den zusätzlichen Vorteil, dass man anschließend beim Händeschütteln keine Keime weiterreicht.


Was ist eine Pause?

Was ist denn das für eine Frage?!

Achtung: Wer zwischen zwei Sätzen eine Pause vermutet und applaudiert, stört die Aufführung erheblich und unnötig!
Wenn innerhalb eines Musikstückes zwischen zwei Sätzen vermeintlich eine Pause entsteht, dann handelt es sich um ein kurzes Innehalten des Dirigenten/des Interpreten, nicht um eine Pause. Während des Innehaltens lässt der Künstler den vorangegangenen Satz nachklingen und bereitet sich kurz auf den nächsten vor - und fährt dann mit dem nächsten Satz fort. In diese Stille hinein sollte das Publikum nicht applaudieren (oder gar husten...)! 
Vor dieser Verlegenheit hilft zuverlässig der Blick ins Programmheft. Dort sind die Musikstücke und immer deren Sätze aufgeführt, zum Beispiel

allegro - andante - rondo - presto

In diesem Beispiel würde also erst nach dem Presto applaudiert!

Am besten hilft hier der Vergleich mit einem Gedicht: Niemand käme auf die Idee, zwischen zwei Strophen zu klatschen. Die Sätze in einem Musikstück entsprechen den Strophen in einem Gedicht.

Wirklich gefährlich wird es, wenn im letzten Satz eine stille Stelle gegen Ende des Stückes wie ein Schluss wirkt, obwohl sie nur das (vielleicht furiose) Finale einleiten soll. Ein schönes Beispiel ist die Ballade Nr. 1 in g-moll Opus 23 von Frédéric Chopin: Hier endet das Stück vermeintlich, aber nur, um schließlich mit Macht zum wirklichen Schluss aufzusteigen. Eine Falle, die immer wieder Anlass zum vorzeitigen Applaus sein kann. Der Pianist weiß in diesen Fällen meist die Spannung zu halten (und den Applaus zu verhindern), indem er in einer eindeutig "unfertigen" Position verharrt, bis er das wirkliche Finale spielt.

Es gibt auch ein schönes Beispiel dafür, dass der Künstler mit voller Absicht das Publikum in die Irre führt, einen Schluss vortäuscht, um dann einen weiteren Schluss als Effekt anzuhängen: Heinz Erhardt hatte dieses Mittel gezielt eingesetzt in seinem legendären Gedicht "Die Made"; er erreicht so beim Publikum das süß-bittere Gefühl von Heiterkeit und Betroffenheit zugleich. Genial...

Heinz Erhard: Die Made

youtu.be/3c4TGd-7RNs