Die Seite für den Künstler

Künstler als Profis haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Die regelmäßige Konfrontation mit dem Publikum ist für sie Routine. Ein wenig Lampenfieber ist normal, bringt es sie doch auf Betriebstemperatur. Was empfindet der Profi auf der Bühne, wenn das Handy klingelt, Zuschauer sich zu spät auf ihre Plätze schieben oder vernehmlich gehustet wird?

Im Aufnahmestudio sind Störungen extrem selten, und wenn, dann wird wiederholt. Live-Auftritte hingegen sind enorm anspruchsvoll, der Einsatz hoch. Wenn alles klappt, ist das Ziel erreicht. Doch es kann so viel schief gehen.

Der Solist ist gut vorbereitet, gibt alles - doch aus dem Publikum kommen störende Geräusche. Eine Ausnahme? Da, schon wieder. Jetzt husten sogar mehrere. Hier heißt es Nerven bewahren. Die Routine hilft. Nun auch noch ein Klingelton vom Handy. Zischen im Publikum. Sind die Leute nicht aufmerksam? Meinen die etwa mich? Bin ich heute nicht gut, oder nicht gut genug? Auf keinen Fall abbrechen. Die Konzentration halten, nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Im Ensemble, im Orchester sieht es ähnlich aus. Störungen kommen auch in dieser Situation bei den Künstlern an. Die Kollegen strahlen eine Ruhe aus, das stützt. Aber wiederholtes oder lautes Husten nervt doch sehr. Der Dirigent macht seelenruhig weiter. Wir mit ihm. Schade, dieser Lärm im Publikum. Eine Grippewelle? Liegt es an der Stadt? War es hier nicht letztes Jahr auch so unangenehm? Schon wieder, muss das sein? Ein schneller Blick ins Publikum: Sind hier alle krank, oder spielen wir so schlecht? Weitermachen. Aufs Stück konzentrieren, auf den Dirigenten. Irgendwie sieht er auch schon etwas gequält aus, oder?

Meist kommt das Störgeräusch nicht beim Künstler an. Aber gerade in leisen Passagen fühlt sich der gutwilligste Pianist, fühlt sich die großzügigste Sängerin doch schon "angefressen". Auch ein Applaus an falscher Stelle (zum Beispiel während einer leisen Stelle mitten im Stück...) kann verheerend wirken. Wie soll man damit umgehen? Einfach weiterspielen, weitersingen? Natürlich, aber die Fokussierung auf das Musikstück oder auf die Rolle leidet, erst recht unter wiederholten Störungen. Künstler die das schaffen und durchstehen sind nur zu bewundern!

Künstler können viel erzählen, haben sie doch so viel erlebt. Mit ihnen kann man schon einen ganzen Abend über dieses Thema höchst unterhaltsam plaudern. Und die meisten Geschichten sind glücklicherweise lustig. Erinnert sei nur an den Papageien, der in zwei Produktionen als "Requisite" eingesetzt in der falschen Oper (La Traviata) plötzlich lautstark "wenn ich einmal reich wär" (aus Anatevka) sang. Oder - seien wir ehrlich - es gibt auch urkomische Geschichten,  in denen Künstler eine Rolle spielen, die manchmal ja auch nicht ganz fehlerfrei sind. Meist erkennen nur Experten im Publikum, dass gerade ein komplett falscher Text zur richtigen Melodie gesungen wird. Halb so schlimm?

Nur selten gerät eine Vorstellung vollends aus den Fugen, besonders wenn das Ensemble sich vor Lachen über einen unfreiwilligen Gag oder einen Fehltritt nicht mehr halten kann. Filmausschnitte hierzu sind mir nicht bekannt; ich bitte um Zusendung von Links.

Alfred Brendel

Bei seinem nahezu ausverkauften Konzert in der Musikhalle zum Abschluss der Pro-Arte-Saison am Donnerstag festigte Brendel seinen Ruf auch als Publikumsdompteur gleich in den ersten Minuten. "Darf ich Sie bitten, nicht so laut zu husten?", fragte er rhetorisch in den Saal, nachdem er seine Darbietung der Beethoven-Bagatelle op. 33 Nr. 1 kurzerhand unterbrach. Das wirkte. Aus der Musikhalle wurde prompt eine riesige Schulaula, in der keiner zu mucksen wagt, solange der gestrenge Direx die Leviten liest. Man mag es marottenhaft finden, dass ein Künstler sich derart um das Husten schert. Doch eine Klaviermusik, die sich jeden Donners so bewusst enthält, die Pausen und leise Stellen auskostet, braucht Stille.

Aus: Die Welt 24.05.2003